Was macht ein runninGrazer in der heißen, kargen sardischen Landschaft in der Hitze der Sommersonnenwende? Na klar, er läuft, was denn sonst? Am liebsten tut er dies, wenn er sich mit anderen Gleichgesinnten dabei im Rahmen eines Stadtlaufes messen kann.

24 Jahre nach einer ausgiebig genialen und ebenso schweißtreibenden Radltour mit ordentlichem Marschgepäck in Mittelitalien und Sardinien gab es eine ersehnte Wiederkehr auf die zweitgrößte aller Mittelmeereilande. Diesmal aber mit ein etwas Mehr an Abwechslung, das stundenlange im Sattel sitzen hatte einer Mischung aus (Schluchten?)Wandern, Radfahren, Kulinarik und Faulenzen bei Meeresrauschen zu weichen. Das Laufen durfte dabei allerdings nicht fehlen, auch wenn die Temperaturen dazu alles andere als einluden.

Diese Intention umzusetzen fällt einem umso leichter, wenn man nach einem Startschuss im Laufschritt das Ziel vor Augen hat und sich schon auf das angekündigte Buffet glücklich freuen kann. Aus diesem rationalen Grund nimmt man solche Gelegenheiten wahr und sucht sich eine Laufveranstaltung aus unter dem Motto „Was ist Glück? Glück ist, wenn Gelegenheit auf Bereitschaft trifft… und Gelegenheit ist immer…“. Ähnlich stellt sich die Angelegenheit für das Laufen dar… auf welchem Leistungsniveau auch immer… vergangene Lebensabschnitte wie beispielsweise jene vor 24 Jahren mögen nicht mehr wiederholbar sein und das ist auch stimmig so, aber das Grundgefühl, Unbekanntes für sich zu entdecken und erlebbar zu machen, das bleibt.

Daher fällt die Wahl also auf ein Ereignis im Landesinneren der Insel in der Form eines Stadtlaufes in Macomer. Das 10.000?Einwohner?Städtchen lud zur 11. Auflage des MACOMER CORRE NEL CENTRO STORICO (also auf gut Deutsch nix anderes wie ein Altstadtlauf) mit einem äußerst selektiven 1,69km?Rundkurs durch die Gässchen der Stadt ein. Nach dem Begehen des Kurses wurde klar: Ein Spaziergang werden diese 4 zu absolvierenden Runden aus topografischer Sicht sicher nicht werden. Ein crosslaufähnliches Auf? und Ab mit vielen engen Kurven, präsentiert auf Kopfsteinpflaster, Bausand und teils aufgerissenem Asphalt leisten einen weiteren Beitrag dazu.
Soweit es aus den Tiefen des WWW ergründbar war, würde um 18 Uhr gestartet werden, beginnend mit den Kinderläufen. Eine konkrete Anmeldung ist im Vorfeld klaglos gescheitert, eine online? Anmeldung für einen „straniero“ (Ausländer) eher ein Ding der Unmöglichkeit. Mit dem Vorweisen des obligatorischen ärztlichen Zertifikates für eine Teilnahme bei Läufen in Italien und dem ebenso spontanen Hinweis, dass das bei weitem nicht reicht, folgte ein „niente“ („macht nichts“). Die Teilnahme war also gesichert und ebenso die Erkenntnis, dass man hier sehr herzhaft aufgenommen und behandelt wird. Eine weitere Erkenntnis: Nimm die 4 Sicherheitsnadeln zur Befestigung deiner Startnummer am runningGraz?Shirt selbst von zu Hause mit (ich hätte ja gefühlte zwei Kilogramm davon zu Hause)… oder hoffe darauf, dass das Veranstalter?Team alle Hebel in Bewegung setzt, diese für dich speziell aufzutreiben.

Geschafft! Das Rennen möge beginnen! Aber wann eigentlich? Auf Nachfrage hin 19 Uhr, auf weitere Nachfrage hin dann der Hinweis, es könnte auch 19 Uhr 20 werden. Die Zeiten sind eben etwas flexibler als bei uns, warum eigentlich nicht? (OK, ich geb‘ ja zu, auch ich bin sozialisiert auf präzise Zeitangaben und beruflich bedingt gedrillt auf einen exakten zeitlichen Ablauf). Schlussendlich wurde der Hauptlauf dann knapp vor 20 Uhr gestartet.
Im Vorfeld beim Einlaufen war schon klar, es ist ein sehr kleines, aber wohl recht erlesenes Starterfeld in seiner Vorbereitung. Die braungebrannten wohl sehr hitzeresistenten Athleten sehen allesamt verdammt durchtrainiert aus, auch die älteren Semester. Auch ein Afrikaner wärmt auf, irgendwie doch nicht so der letzte Dorflauf im Nirgendwo.
Schon die Kinder? und Jugendläufe ließen einem wirklich gute Leistungen und Athleten sehen, ebenso unvergessen bleibt die fanatische Stimmung bei den rennentscheidenden Szenen kurz vor dem Ziel. Die später anberaumte Siegerehrung dieser jüngeren Teilnehmer hatte ein Flair von einem Turniersieg bei einem Eishockey? oder Fussballereignis gehabt. Fangesänge für die jeweilige siegreiche Mannschaft bis der Platzsprecher diese mit einem „silenzio!“ quittiert hatte.

Nun zurück zum Hauptlauf: Durch die Verspätung im Zeitplan, oder besser gesagt durch den neuen Startzeitpunkt dem „natürlichen“ Verlauf der Veranstaltung folgend, wurde es ein wenig kühler. Die Teilnehmer wurden einzeln beim Vorstart aufgerufen und zur Startlinie gebeten. Nur der Erwähnung halber, einen Chip eingeschnürt im Laufschuh oder versteckt hinter der Startnummer gab es nicht. Es gab auch keine Zeitnehmung – nur Rundenzähler und einen Einlaufkanal, um die exakte Reihenfolge der Athleten im Ziel zu dokumentieren und für die Ergebnisliste (5?Jahresklassenwertung und Gesamtrang des Laufes) bereitzustellen.

Nach dem Startschuss war bald klar, dass dieses Rennen eine ziemliche Bolzerei ohne Rücksicht auf Verluste bergab durch die engen Gassen werden würde. Einen stabilen Laufrhythmus zu erreichen war aufgrund der Topographie ein Ding der Unmöglichkeit, der knackige Anstieg relativ am Ende der Runde trug sein Übriges dazu bei. So blieb es dann eine reine Kopfsache… 4, 3, 2, 1 und vorbei. Der Athlet aus „Austria“ wurde nach einem Zielsprint um die berühmte goldene Ananas mit einem Konkurrenten gebührend ins Ziel moderiert. „Haben fertig“ dachte ich mir, zum Glück. Durch die besorgte Nachfrage des Veranstalters, ob eh wohl alles in Ordnung ist mit mir, war wenigstens die Gewissheit, alles gegeben zu haben. Der Rest hat sich eher durchwachsen angefühlt.

Egal. Die Stimmung genießen und sehen was sich noch so tut und mir erzählen lassen, wie sich das Rennen an der Spitze gestaltet hat. In diesem reinen Männerhauptlauf mit 63 Startern konnte sich der Athlet aus Senegal schlussendlich auf der letzten Runde durchsetzen. Das Warten nach dem Ende des Laufes bis zur Siegerehrung gestaltete sich sehr kurzweilig, die Verpflegungsstation war auch längst noch nicht „kahlgefressen“ (Teile Sardiniens erlebten heuer die schlimmste Heuschreckenplage seit 60 Jahren). In der Zwischenzeit wurde der Läufer aus Österreich aktiv gesucht (dem Stress einer Stockerlplatz?Ehrung hat er durch seine läuferische Leistung erfolgreich ausweichen können) und ihm weitere sardische Laufveranstaltungen beschrieben und ans Herz gelegt und darauf hingewiesen noch nicht gleich zu gehen, denn nun kommt das eigentliche Buffet.

Dieser Hinweis war aus kulinarischer Sicht Goldes wert. Hier wurde eine Vielzahl von selbst gemachten Speisen aufgetischt, als würde für ein Volksfest aufgebaut werden. Wer schon einmal seinen Gaumen mit diesen Speisen verwöhnen durfte, weiß wovon ich gerade schwärme. Von vorspeisig bis hauptspeisig, kalt bis warm, fleischig bis käsig, pastrig bis gemüsig, pizzig bis risottig. Alles ausreichend da, da können einem die Worte schon durcheinander kommen. Bier, Wein und Limonaden rundeten das Programm ab. Geschafft, dachte man sich, der Tisch wird abgeräumt… nein, nein… nur um Platz zu schaffen für den Nachspeisengang. Nun bogen sich schon wieder die Tische, eine Vielzahl an unbekannten Kreationen, eine besser wie die andere, standen zur Auswahl. Und auch wenn man vom bisherigen Menü schon mehr wie satt war, es wird einem bis zu seinem Sitzplatz nachgetragen und angetragen. Ein „Nein, danke“ gibt’s da natürlich nicht.

Der Vollständigkeit halber sei dazu gesagt: Dieser Lauf kostet einem Teilnehmer, egal ob in Nachnennung oder nicht, 6 Euro. Alles in allem zusammengefasst kann ich sagen, es war eine hitzige Quälerei und kitschige Völlerei, ein Erlebnis, welches irgendwann wieder nach Wiederholung schreit. Hoffentlich nicht erst wieder in 24 Jahren.

(Harald Huss)